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Berlin – damals und heute: Unter den Linden

Das Charisma Berlins macht nicht zuletzt seine große Vielfältigkeit aus. Die deutsche Hauptstadt hat dabei kein Zentrum, um das sich das urbane Leben dreht. Vielmehr besteht Berlin aus vielseitigen Bezirken mit ganz eigenem Charakter. Ihre individuelle Geschichte prägt die großen Straßen und Kieze der Stadt dabei nachhaltig.

Seit über einem halben Jahrhundert ist RUWE täglich in den Bezirken, Straßen, Grünanlagen und Häusern Berlins unterwegs. In unserer Journal-Serie „Berlin – damals und heute“ möchten wir einen genauen Blick auf die verschiedenen Kieze Berlins werfen und wie sich diese im Lauf der Zeit verändert haben.

Café Bauer Ecke Friedrichstraße um 1900

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Die Prachtstraße im Herzen der Stadt

Unter den Linden ist wohl eine der, wenn nicht die berühmteste Straße Berlins. Kein Wunder, schließlich beginnt sie am bekanntesten Wahrzeichen der Stadt: dem Brandenburger Tor. Von dort aus führt sie an der Humboldt-Universität und der Staatsoper vorbei bis auf die Museumsinsel. Anschließend geht sie über in die Karl-Liebknecht-Straße und damit direkt am Alexanderplatz vorbei. Diese Orte sind Höhepunkte für jeden Berlin-Touristen und weit über die Grenzen der Stadt bekannt.

Doch wie Berlin hat auch die Straße Unter den Linden eine bewegte Geschichte. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte änderte sich ihr Aussehen viele Male und sie war bei Weitem nicht immer die begehrte Prachtstraße, die sie heute ist. Folgen Sie uns in die Vergangenheit und erhalten Sie faszinierende Einblicke in die Geschichte der Berliner Mitte.

Lindenallee um 1691

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Ganz klein angefangen: ein Reitweg für Kurfürsten

Die Strecke, auf der sich heute die Straße Unter den Linden befindet, wurde 1573 durch den Kurfürsten Johann Georg als Reitweg angelegt, um das Stadtschloss und den Tiergarten zu verbinden. Erst über hundert Jahre später, nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges 1648, wurde dieser Reitweg in eine prächtige Allee umgebaut. Auf knapp einem Kilometer legte man sechs Reihen Nuss- und Lindenbäume an, die bald schon auf das 1663 errichtete Kronprinzenpalais hinführten. Dies war ein erster Schritt, zur späteren Prachtstraße war es jedoch noch ein weiter Weg.

Reiterstandbild Friedrich II. („Alter Fritz“) von Manfred Brückels (Wikimedia)

CC BY-SA 3.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Die Lindenallee: Berlin wächst

Um 1700 ließ Friedrich I. an der prächtigen Lindenallee eine Akademie der Künste und der Wissenschaft bauen. Für Bedienstete des Königs wurden herrschaftliche Wohnhäuser an die Seiten der Allee gebaut. Da sie direkt zum heutigen Schloss Charlottenburg führte, dem Sommerschloss des Königs, war die Allee zudem auch schnell in reger Benutzung. Um einen gepflegten Eindruck zu erhalten, erließ Friedrich I. sogar ein Gesetz: Jeder Anwohner der Lindenallee hatte sich um die Bäume vor seinem Haus persönlich zu kümmern.

St. Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz von lostajy (flickr)

CC BY-SA 2.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Opernhaus und Kathedrale: Friedrich der Große baut aus

Ab 1740 ließ Friedrich II. die St. Hedwigs-Kathedrale, das Opernhaus, die Königliche Bibliothek und das Palais des Prinzen Heinrich bauen. Das letztere Bauwerk wurde später erstes Gebäude der Humboldt-Universität. Friedrich Wilhelm III. setzte die Baumaßnahmen seines Vaters und Großvaters fort und ließ den heute berühmten Architekten, Künstler und Baumeister Karl Friedrich Schinkel im frühen 19. Jahrhundert den östlichen Teil der Allee zur Prachtstraße ausbauen. Auch das Reiterstandbild Friedrich des Großen vor der Universität entstand zu dieser Zeit durch den Bildhauer Christian Daniel Rauch.

British Hotel, Bild von der Tageskarte, 1854

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Kultur und Internationalität: vom British Hotel bis „Schall und Rauch“

Auf Höhe der heutigen Hausnummer 36 befand sich zwischen 1842 und 1894 das British Hotel Berlin. Dies war nicht nur die beliebteste Unterkunft für Reisende von der Insel, auch der britische Botschafter wohnte hier im Hotel. Die Gegend wurde zudem zum belebten Geschäftsbereich mit zahlreichen Läden und Lokalen. Einige Meter weiter, auf Höhe der heutigen Nummer 44, stand das Hotel Imperial. Der legendäre Theaterregisseur Max Reinhardt fand hier, im Foyer des Hotels, einen festen Aufführungsort für sein Kabarett „Schall und Rauch“, welches als Startpunkt seiner großen Karriere gilt.

Unter den Linden um 1900

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Ab 1846 fuhren Unter den Linden schon Pferdebusse und ab 1905 bereits die ersten Motorbusse. Wie schon die Pferdebusse besaßen auch jene von Beginn an zwei Etagen. Und auch heute sind viele Verkehrsbusse in Berlin noch charakteristische Doppeldecker.

Unter den Linden, 1950 (Bundesarchiv: Bild 183-05876-0050)

CC BY-SA 3.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Straßenverlängerung und Zweiter Weltkrieg

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die Straße von gut 900 Metern auf fast 1,5 Kilometer bis zur Schlossbrücke verlängert. Dadurch änderte sich dementsprechend auch die Zählung der Hausnummern. Bis 1937 erstreckte sich die Hausnummernzählung wie ein Hufeisen um die Lindenallee herum. Nun folgten die Nummern von der Kommandantur ausgehend springend zum Brandenburger Tor.

Zudem wurde die Fahrbahn deutlich verbreitert; schließlich sollte die Prachtstraße in die Ost-West-Achse der durch die Nazis geplanten Welthauptstadt Germania integriert werden. Die Luftangriffe der Alliierten in der Schlacht um Berlin zerstörten die Straße allerdings fast vollständig.

Palast der Republik, DDR 1977 von Istvan (flickr)

CC BY-SA 3.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Wiederaufbau: Nachkriegszeit und DDR

Zahlreiche Freiwillige trugen zwischen 1945 und 1948 die Trümmer der zerstörten Prachtbauten Unter den Linden ab. Anschließend wurde als erster Neubau 1951 die Botschaft der Sowjetunion fertiggestellt. Anfängliche Pläne zum Wiederaufbau des Stadtschlosses verwarf man und sprengte die Reste im Jahr 1950 vollständig. An jener Stelle errichtete die DDR-Regierung später (1973–1976) den Palast der Republik.

In den 1960er Jahren waren die meisten Gebäude wieder aufgebaut, bzw. um Gebäude im sogenannten internationalen Stil ergänzt. Die Belegung der Gebäude Unter den Linden war durch Ministerien, Botschaften, Bildungseinrichtungen, aber auch durch Kulturstätten oder Geschäfte geprägt.

Brandenburger Tor und Pariser Platz von Axel Mauruszat (wikimedia)

 

Von Wiedervereinigung bis heute

Auch nach dem Fall der Mauer unterlag das Stadtgebiet um die historische Prachtstraße Unter den Linden vielen Veränderungen. Schließlich musste nach 40 Jahren deutscher Teilung auch eine geteilte Stadt wiedervereint werden. Für eine der größten Diskussionen sorgte zu Beginn der 1990er der Umgang mit dem Palast der Republik. Aufgrund der Asbestverseuchung konnte dieser nicht mehr weiter genutzt werden. Ein Stück deutscher Geschichte zerfiel unansehnlich mitten in der Stadt. Lange Zeit entschloss sich die Politik nicht, ob das Gebäude renoviert oder stattdessen das ursprünglich an dieser Stelle stehende Stadtschloss wieder aufgebaut werden sollte.

Upper Eastside Berlin, Friedrichstraße 88-89 von Beek100 (wikimedia)

CC BY-SA 3.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Berliner Stadtschloss und Upper Eastside Berlin

2008 gewann der Italiener Francesco Stella den Architektur-Wettbewerb für den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Erst in diesem Jahr war die Dekonstruktion des Palastes der Republik vollständig abgeschlossen. Nach anfänglich fehlender Finanzierungssicherheit verlagerte sich der Baubeginn nach hinten und die Grundsteinlegung erfolgte statt 2010 erst am 12. Juni 2013.

Auch die in den 1960er Jahren erbauten Gebäude Interhotel Unter den Linden und das Lindencorso wichen neuen Geschäftshäusern, beispielsweise dem Komplex Upper Eastside Berlin an der Kreuzung zur Friedrichstraße.

Unter den Linden am Abend von VollwertBIT (wikimedia)

CC BY-SA 3.0, (Sättigung und Ausschnitt angepasst)

 

Die Mitte Berlins steht nie still

In über 400 Jahren Berliner Stadtgeschichte hat die heute legendäre Strecke zwischen Schlossbrücke und Brandenburger Tor schon viel Veränderung erlebt. Vom kleinen Reitweg zum repräsentativen Prachtboulevard mit internationaler Ausstrahlung. Von Trümmerbahn nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur weltberühmten Sehenswürdigkeit am Regierungsviertel der Hauptstadt. Die Zukunft wird zeigen, was sich Unter den Linden noch alles verändern wird.

Die über 500 Mitarbeiter von RUWE sind jeden Tag aufs Neue fasziniert von dieser aufregenden, sich ständig verwandelnden Stadt. Unser Herz schlägt für alle Bezirke. Freuen Sie sich also auf unseren nächsten Journal-Beitrag aus der Serie „Berlin – damals und heute“.